Date:
Location:
Bergün, CH

Bahnmuseum Albula Bergün

«Der magische Bereich des Imaginären sind eben Fantasien, In die man ab und zu reisen muss, um dort sehend zu werden. Dann kann man zurückkehren In die äußere Realität, mit verändertem Bewusstsein, und diese Realität verändern oder sie wenigstens neu sehen und erleben.» (Michael Ende, Jim Knopf)

Die Baugeschichte der Albulabahn ist von nationaler wie internationaler Bedeutung, und der Museumsstandort Bergün übernimmt in dieser Kette traditionsreicher Orte eine zentrale Rolle. Der Entwurf des Bahnmuseums orientiert sich an der Mobilität der Eisenbahn und dem Fortschrittsgedanken. Statt einer statischen Struktur entsteht mit dem erweiterten Gleisfeld eine unmittelbare Auseinandersetzung zwischen Ausstellungsgütern und Betrachtern. Dieses Gleisfeld ist mit den bestehenden RhB-Gleisen und dem Zeughaus verbunden, während die neue Erlebnishalle als bindendes Element zwischen Museum und Bahnbetrieb gesetzt wird. Durch die Anbindung aller Geleise und die bewusste Nutzung einzelner Wagen für Ausstellungen reicht das Projekt über die Grenzen der Parzelle hinaus. Salon-, Party- oder Ausstellungswagen können Veranstaltungen in St. Moritz, Scuol oder Chur begleiten und die Rhätische Bahn weit über Bergün hinaus repräsentieren. Der Museumsplatz selbst bleibt der Bahnhofsplatz, wo ältere und neuere Bahnwagen dauerhaft präsentiert werden.

Bildhafte Erinnerung: In der Nacht nimmt der Hallenneubau ikonographische Charakterzüge an. Ein Kind beschreibt die Lichter der Wagons in der dunklen Landschaft der Nacht. Die einzelnen Fenster tanzen verspielt an der topographisch vielseitigen Linienführung, verstecken sich hinter schwarzen Bäumen, welche die einzelnen Darsteller trennen, bevor diese bei erhöhter Geschwindigkeit verschmelzen.

Die neue Fahrzeughalle mit Grundmassen von 85,40 auf 12,40 Metern tritt dem Zeughaus gleichwertig gegenüber, ohne dieses zu tangieren. Zwischen den Bauten entsteht ein Raum für Ausstellungen und Aktionen, in dem etwa Draisinentouren oder temporäre Nutzungen stattfinden können. Kiosk, Trinkwagen oder Schlittelwagen beleben das Areal im direkten Bezug zur Bahn. Die langgestreckte Halle verändert den Rundgang, indem sie horizontale und vertikale Bewegungen kombiniert. Besucher erhalten Einblicke aus unterschiedlichen Perspektiven, gehen durch die Putzgrube und erleben von der Dachstruktur Ausblicke auf Bergün. In der Nacht verwandelt sich die Halle in ein ikonografisches Bild: Lichter der Wagen tanzen in der Dunkelheit und verschmelzen zu einer poetischen Erinnerung an die Bahnreise.

Das denkmalgeschützte Zeughaus wird nur minimal angepasst, um den Anforderungen eines Museums gerecht zu werden. Neue Treppenhauszonen mit Sanitärzellen ermöglichen eine flexible Nutzung. Der Zugang erfolgt über die Bahnrampe in ein grosszügiges Foyer, das Information, Warteraum und Vorraum zum Multimediaraum vereint. Dauerhafte Einbauten zonieren den Raum und schaffen Übergänge zum Ausstellungsbereich. Matte Oberflächen wechseln mit durchscheinenden Projektionen und erzeugen eine abwechslungsreiche, szenografische Atmosphäre.

Das Materialkonzept folgt industriellen Ansätzen. Die Halle wird von vorfabrizierten Stahlfachwerkträgern getragen, die auf Stahlstützen ruhen. Stahlblechpaneele, transluzentes und klares Glas bilden die Hülle und lassen Exponate bereits von aussen erahnen. Der Museumsplatzbelag wird bis in die Halle hineingezogen, während tiefergelegte Geleise mit Schwellen und Schotter an das Netz angeschlossen sind. Die Dachkranzfassade fungiert als Diffusor, der Tageslicht reflektiert und nachts durch langlebige Leuchtmittel eine markante Lichtwirkung entfaltet. Im Zeughaus selbst strukturieren Aluminium-Sandwichelemente die Ausstellung, ergänzt durch Vitrinenverglasungen.

Die Tragstruktur der Halle basiert auf einem einfachen Trägerrost mit biegesteifen Rahmenecken und einem Raster von 4,25 auf 2,40 Metern. Die Lasten werden direkt in die Stützen und Fundamente geleitet, während Aussteifungen über horizontale und vertikale Verbände erfolgen. Das variable Trägersystem reagiert auf den leicht geknickten Grundriss und erlaubt die markante Auskragung.

Das Bahnmuseum Bergün verbindet Geschichte, Technik und Erlebnis auf eindrucksvolle Weise. Mit der Kombination aus Zeughaus, Gleisfeld und neuer Halle entsteht ein lebendiges Zentrum, das sowohl die regionale Identität stärkt als auch die Rhätische Bahn weit über den Standort hinaus sichtbar macht.

 

Bauherrschaft: Verein Bahnmuseum Albula

Planung: Rossetti+Wyss Architekten, Lüchinger Meyer Partner AG

Studienauftrag: 2004, 2. Preis