Date:
2015
Location:
Rüschlikon, CHRohrfabrik Rüschlikon
Die Rohrfabrik in Rüschlikon blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Ursprünglich für industrielle Zwecke genutzt, prägte sie über Jahrzehnte den Ort und bildete einen eigenständigen Mikrokosmos am Rand des Siedlungsgebiets. Mit dem Strukturwandel und der Aufgabe der ursprünglichen Nutzung entstand die Chance, das Areal neu zu beleben. Die Lage unmittelbar am See, eingebettet zwischen Ortsrand, Bahnlinie und Landschaft, verleiht dem Gelände eine besondere Qualität, die durch die Transformation respektvoll weitergetragen werden sollte. Ziel des Projekts war es, den Bestand zu erhalten, wo immer möglich, und gleichzeitig neue Wohn- und Arbeitsräume zu schaffen, die dem heutigen Bedarf entsprechen und langfristig tragfähig sind.
Die baurechtlichen Rahmenbedingungen waren von Beginn an prägend. Aufgrund der denkmalpflegerischen Bedeutung mehrerer Gebäudeteile und der Nähe zur Uferzone waren Eingriffe stark reglementiert. Anstelle eines radikalen Neubaus verlangte die Behörde eine sorgfältige Weiterentwicklung der bestehenden Substanz. Diese Vorgabe wurde zum Leitgedanken des Projekts: das Weiterbauen am Bestand als architektonisches Prinzip. Dabei standen sowohl die Erhaltung von Identität als auch die Schaffung neuer Qualitäten im Vordergrund.
Die Konzeption des Projekts beruht auf einer klaren Gliederung des Areals. Die bestehenden Fabrikhallen wurden in ihrer Struktur bewahrt und in Wohn- und Arbeitsräume umgenutzt. Durch präzise gesetzte Eingriffe entstanden grosszügige Wohnungen, Ateliers und Gemeinschaftsbereiche, die den industriellen Charakter spürbar lassen. Ergänzend wurden neue Baukörper eingefügt, die sich in Massstab, Materialität und Ausrichtung am Bestand orientieren und dennoch eine eigenständige Sprache sprechen. Zwischen den Gebäuden öffnen sich differenzierte Aussenräume, die sowohl privaten als auch gemeinschaftlichen Nutzungen dienen und den Bezug zum See stärken.
Architektonisch zeichnet sich die Transformation durch das Spannungsfeld von Alt und Neu aus. Der Bestand mit seinen rohen Materialien, sichtbaren Tragwerken und industriellen Dimensionen bleibt ablesbar. Neue Elemente setzen bewusst Kontraste, ohne die historische Substanz zu überlagern. Holz, Glas und Sichtbeton bilden eine zurückhaltende Palette, die die Qualitäten des Bestands hervorhebt. Die Materialwahl folgt dabei dem Grundsatz von Robustheit und Dauerhaftigkeit, um die industrielle Vergangenheit weiterzutragen.
Die innere Organisation der neuen Nutzungen reagiert flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse. Grosszügige, loftartige Räume stehen neben klar gegliederten Wohnungen. Gemeinschaftsräume und Arbeitsflächen ergänzen das Angebot und fördern den Austausch zwischen Bewohnern und Nutzern. Die Durchlässigkeit zwischen Wohnen, Arbeiten und öffentlichem Raum ist ein zentrales Thema, das durch offene Erdgeschosszonen, Werkstätten und Cafés umgesetzt wird. So bleibt das Areal kein abgeschlossener Wohnpark, sondern ein lebendiger Ort im Dialog mit dem Quartier.
Besondere Aufmerksamkeit galt der Freiraumgestaltung. Der industrielle Charakter der Rohrfabrik wird im Aussenraum fortgeführt, etwa durch die Wiederverwendung von Materialien und die bewusste Offenlegung historischer Spuren. Gleichzeitig entstehen neue Aufenthaltsbereiche mit hoher Aufenthaltsqualität, die den Bezug zur Landschaft und zum Wasser herstellen. Wege, Plätze und Gärten verknüpfen die verschiedenen Teile des Areals und stärken die Identität als zusammenhängendes Quartier.
Nachhaltigkeit spielte bei der Entwicklung eine zentrale Rolle. Die Weiternutzung der Substanz spart graue Energie und bewahrt historische Werte. Die neuen Baukörper sind kompakt organisiert und energieeffizient konzipiert. Natürliche Belichtung, gute Belüftung und ein durchdachtes Energiekonzept tragen zur hohen Wohn- und Lebensqualität bei.
Insgesamt versteht sich das Projekt Rohrfabrik als beispielhafte Transformation eines industriellen Areals in einen zeitgemässen, vielfältigen Lebensraum. Es verbindet Geschichte und Zukunft, bewahrt den Charakter des Ortes und eröffnet gleichzeitig neue Möglichkeiten. Die Architektur schafft einen Rahmen, in dem sich unterschiedliche Lebensformen entwickeln können, und zeigt, wie durch sorgfältiges Weiterbauen ein Ort neu interpretiert und belebt wird.
Bauherrschaft: Privat
Planung: Rossetti+Wyss Architekten, Ingenieurbüro Hansruedi Schlatter, Zürcher Elektroplanungen AG, KWP Energieplan AG, Bünder Sanitärplanung AG, Bakus Bauphysik & Akustik GmbH
Fotos: © Jürg Zimmermann

